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   Das war meine erste Begegnung mit Herrn Kaminski.

 

 

 

* *  *

 

 

 

   Das zweite Mal traf ich ihn am Montag, den 14. September 1953, am Tag nach dem Tod meiner Eltern. Diese Begegnung war gekennzeichnet durch den donnernden, Entsetzen auslösenden Schicksalsschlag der Ereignisse. Das Geschehen wirbelt noch heute wie ein rasend drehendes Rad in  meinem Kopf herum.

   Von unserer Tramptour kehrte ich am Montag, den 31. August abends gegen 19 Uhr 30 heim, halb verhungert, bis auf den letzten Pfennig abgebrannt und wegen eines den ganzen Tag währenden Schnürregens vollkommen durchnässt. Außerdem fühlte ich mich krank, hatte leichtes Fieber und Schüttelfrost. Mein rechter Arm war geschwollen und schmerzte. Über dem Handgelenk entwickelte sich an der Innenseite ein gewaltiges Geschwür. Wahrscheinlich hatte ich mich bei der Arbeit infiziert.

   Ich klingelte, doch niemand war da. Frau Witt, die Vermieterin, öffnete mir endlich die Haustür und ließ mich rein. Oben in der Wohnung stellte ich den Rucksack im Bad ab, entkleidete mich, kniete mich in die Wanne und wusch mich oberflächlich mit kaltem Wasser. Ich zog den Schlafanzug an, zog die Vorhänge vor das

Kammerfenster, legte mich auf die Schlafcouch, breitete die Wolldecke über mich und schlief sofort ein.

   Morgens um neun schlurfte ich über den Flur ins Wohnzimmer. Das Fieber schien etwas abgeklungen zu sein. Mutter hatte den Tisch gedeckt und saß an der Nähmaschine.

   „Ich wusste, du kommst“, sagte sie, „ich habe es geahnt.“ 

   Sie nähte mit verbissener Konzentration an einem gewaltigen Gardinenballen herum.

   „Wie war`s denn? Erzähl` mal!“

   „Näh du mal erst“, wehrte ich ab. Ich war froh, nicht ausgefragt zu werden und erzählen zu müssen.

   Jener Dienstag und die zwei folgenden Tage waren ausgefüllt mit Erledigungen und Besorgungen: Schuhe vom Schuster holen, Zahnpasta, Seife, Schuhcreme und den ersten echten Rasierapparat kaufen, den Koffer packen, nach Zug erkundigen, usw. Am Mittwochnachmittag war ich im Schrebergarten. Da Papa keine Zeit hatte, musste ich allein die Erdbeerreihen lichten und abstechen. Ich ließ es langsam gehen, weil mir jede Armbewegung schmerzte.   

   Vater sah ich an diesen drei Tagen nur abends zwischen zehn und elf Uhr, wenn er müde und erschöpft von den Baustellen heimkam. Er war wortkarg vor Müdigkeit. Mir viel auf, wie alt und schmal und kurzatmig er geworden war. Er war gerade fünfzig Jahre, er kam mir aber schon viel älter vor.  

   Am Freitagmorgen, dem Abreisetag, kam er um halb sechs in meine Kammer, machte Licht und rüttelte mich wach.

   „Machs gut, Junge, und halt die Ohren steif.“

   Das war seine Redensart. Er drückte mir die Hand und ging zur Frühschicht. Zehn Tage später war er tot. Ich wusste damals nicht, dass ich ihn nie wieder sehen sollte.

   Mutti packte mir eine Unmenge Reiseproviant in die Tüte und zwang mich zu einem ausgiebigen Frühstück, das eine Qual für mich war. Schon um halb sieben fuhren wir mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof. Sie bestand darauf, mich zu begleiten. Als der Zug einrollte, drückte sie mir einen Kuss auf die Wange und strich mir über das Haar. „Vergiss das Beten nicht“, flüsterte sie. Ihre Augen waren feucht.

   Sie stand dann da auf dem Bahnsteig und winkte mit ihrem weißen Taschentuch. Sie lächelte und wirkte ihn ihrem dunkelgrünen Kostüm und mit dem kleinen, keck auf der Hochfrisur postierten Hut blass, doch elegant und schlank. Zuletzt sah ich sie durch die Rauchschwaden der Lokomotive mit energischen Schritten zur Treppe eilen. So werde ich sie für immer in Erinnerung behalten.

   Ich ging durch den Zug bis in den letzten Wagen und setzte mich auf die rückwärtigste Bank. Ich fühlte mich elend.

   „Hier steckst du, verflixt noch mal“, riss mich Karls Stimme aus dem fiebrigen Halbschlaf, „warum hockst du denn hier hinten, Menschenskind. Ich dachte, du wärst gar nicht im Zug. Du hast `ne Birne wie `ne Tomate. Was ist los? Bist du besoffen?“

   „Na klar“, grinste ich zu ihm hinauf, „vier Flaschen intus.“

   Er ist ein langes, mageres Elend, hat einen schmalen, hohen  Kopf wie im Schraubstock zusammengepresst, dunkelblonde Stoppelhaare und glatte, rosige Haut wie ein Mädchen. Auf den ersten Blick denkt man, er ist ein Weichling, tatsächlich aber ist er hart wie ein Knochen und nüchtern wie ein Stein.

   Plötzlich fühlte ich eine kühle Hand auf der Stirn. Karl saß neben mir. „Du glühst ja richtig, Iljitsch. Du hast hohes Fieber. Mein lieber Scholli! Das ist kein Spaß mehr.“

   An die weitere Fahrt kann ich mich kaum erinnern, nur an einige lichte Momente. Karl und irgendein anderer Junge hievten mich aus dem Zug und schleppten und zerrten mich zum wartenden Bus. Dann weiß ich noch, wie mich Pater Johannes und Karl über einen ellenlangen Flur führten.

   Zum ersten Mal wurde ich wieder wach von eiskalten Waden und Füßen. Bruder Fabian, der Krankenpfleger, machte mir Wickel und Kompressen auf die Stirn und in den Nacken und flößte mir bitteren Tee ein.

   „Was für ein Tag ist heute?“, wollte ich wissen.

   „Samstag.“

   „Und wie spät?“

   „Gleich halb drei in der Nacht. Schlaf weiter. Ich komme alle zwei Stunden und mach` die Wickel frisch. Trink erst noch mal einen Schluck.“

   Am Morgen merkte ich, dass ich gar nicht in meinem Zimmer war. Man hatte mich auf die Krankenstation gebracht. Das hohe Fenster lag zwar nach Westen raus, es fiel aber helles Licht in den Raum, und durch die drei oberen klaren Scheiben konnte ich das Spitzdach des Glockenturms der Klosterkirche sehen.

   Die Hand, das Gelenk und der Unterarm waren unförmig verbunden wie ein Kokon. Unter der Binde klopfte und stach das Geschwür.

   Aus der Kirche drang das Vorspiel der Orgel. Kurz darauf grölte die Jungenhorde das erste Lied der Frühmesse. Demnach war es sieben Uhr.

   Bruder Fabian schob einen Servierwagen ins Zimmer.

   „Na, Iljitsch, etwas besser?“

   Alle Schüler und viele Brüder und Patres nannten mich Iljitsch, manche kannten nicht einmal meinen richtigen Namen.

   „Die Binde sitzt zu straff“, sagte ich.

   „Erst wird gefrühstückt, dann verbinde ich neu. - Was  wünscht der Herr? Marmelade, Wurst, Brot, Zwieback, alles da. In der Glaskanne ist Tee, im Krug Himbeersaft. Also hau rein. Nach der Messe komme ich wieder.“

   Hastig eilte er hinaus.

   Zu jedem vollen und halben Schlag der Kirchturmuhr musste ich ein Glas Tee trinken. Er wirkte wie ein Wunderelexier und dämpfte das Fieber. Alle vier- fünf Stunden verband er das Handgelenk neu und köderte den Eiter mit schwarzer Zugsalbe. Das Geschwür wuchs an zur Größe einer Kinderfaust. Am Montagnachmittag war es dann soweit. Bruder Fabian drückte es aus. Es war eine höllisch schmerzhafte Prozedur, brachte aber schlagartig Erleichterung.

   Entlassen wurde ich aber noch nicht. Erst musste der Vergiftungsstreifen am Innenarm zurückgehen.  

   Am Mittwochmorgen ging ich kurz hinauf in mein Zimmer und holte mein Tagebuch aus der Schultasche. Ich konnte wieder schreiben und hatte Zeit genug. Die letzten drei Tage der Tramptour waren nachzutragen, die folgenden Tage zu Hause und meine Ankunft hier. Ich hasse Zeitsprünge im Tagebuchbericht.

   Zweimal besuchte mich Pater Johannes. Karl und ich nennen ihn heimlich Tante Johanna. Wir sind aber nicht sicher, ob wir ihm nicht Unrecht tun. Deshalb hüten wir uns, vor den anderen Bemerkungen vom Stapel zu lassen.

   Am Sonntagnachmittag wurde ich aus der Krankenstation entlassen. Als um viertel vor fünf die Klingel zum Studium schrillte, nahm ich die Schultasche und ging hinunter in die Klasse. Bis halb sieben war Silentium angesetzt. Karl, der neben mir saß, schielte zu mir hinüber und hielt sich die Nase zu.

   „Du stinkst wie ein nasser Köter“, flüsterte er.

   „Halt`s Maul!“, sagte ich.

   „Du siehst aus wie Quark, so käsig.“

   Ich zuckte mit den Schultern, beugte mich zu ihm und wisperte: „Liebling!“

   Das war das schlimmste Schimpfwort, welches ich ihm an den Kopf werfen und mit dem ich ihn tödlich beleidigen konnte.

   Tante Johanna bevorzugt feingliedrige und schmalgesichtige Jungen, grobknochige und muskulöse straft sie mit Missachtung. Wir hatten im Unterricht keine Chance bei ihr. Karl nutzte eiskalt diesen Vorteil aus. Er war Johannas Liebling, deshalb heimste er in Mathe und Physik gute Noten ein.

   Er rammte mir seinen spitzen Ellbogen in die Rippen.

   Zu diesem Zeitpunkt waren Mutti und Papa schon tot. - 

   Und wir spielten unsere dummen Spielchen.    

   Im Refektorium nahm ich beim Abendessen wie selbstverständlich meinen Platz ein. Niemand war überrascht, mich wiederzusehen, anscheinend hatte mich keiner in den zehn Tage vermisst.

   Vor der Kopfwand am Präfektentisch saßen Pater Johannes, der löwenmähnige Pater Lambertus und Pater Hartmut, der bei den Kleinen Erdkunde und Geschichte unterrichtet. Ein paar Mal schielte ich zu ihnen hin. Sie unterhielten sich angeregt, steckten oft die Köpfe zusammen und - den Eindruck hatte ich - schauten zu mir hinüber.

   Ich ahnte nicht, dass sie die Nachricht vom Tod meiner Eltern erhalten hatten.

   Nach dem Essen fühlte ich mich merkwürdig schwach und müde. Vielleicht war ich doch noch nicht ganz gesund. Obwohl Freizeit angesetzt war, ging ich hinauf in mein Zimmer, zog mich aus und legte mich hin. Weil es noch hell war, zog ich mir die Decke über den Kopf und schlief ein. 

   Am Montagmorgen war ich früh wach, ungefähr um fünf. Ich lauschte auf die Kirchturmuhr. Als sie sechs schlug, ging ich unter die Dusche, eher durften wir nicht. Mit dem Rasierapparat kratze ich mir ein paar dünne Barthaare von den Kinnladen.

   Beim Frühstück war es auffallend ruhig. Der Montagmorgen ist nie ein Anlass für Ausgelassenheit. Am Präfektentisch fehlte Pater Lambertus, statt seiner war Pater Eleutherius, unser Sport- und Musiklehrer, anwesend. 

    Als ich nach dem Frühstück die Treppe hinaufsteigen wollte, um aufzuräumen, das Bett zu machen und das Fenster zu schließen, tippte mir ein Kleiner ans Gesäß.

   „He, du, Iljitsch. Du sollst sofort zu Pater Lambertus kommen."  Er zog mir eine Fratze und sauste davon.

   Pater Lambertus` Zelle liegt im ersten Stock im Flur, der nach links vom Eingang der Orgelbühne abzweigt. Niemand begibt sich gern dort hinauf. Links neben seiner Tür ist der geschlitzte Holzkasten, in den wir unsere Briefe hineinwerfen müssen.

   Ich klopfte.

   „Herein!“, rief er. Seine Stimme ist tief und guttural, als komme sie zwischen zwei Klößen hindurch.

   Ich schob die schwere, dunkelbraune Holztür auf und trat ein.

   Er saß an seinem Schreibtisch. Die Tischlampe brannte und schien auf seine dickfingrigen, von Sommersprossen übersäten Hände.

   „Sie wollten mich sprechen, Herr Pater“, brachte ich hervor.

   „Richtig! Setz dich doch, Hans-Hermann. Am besten hinter den Wohnzimmertisch auf die Couch.“

   Ich war überrascht, aus seinem Munde meinen Namen zu hören. Noch niemals hatte er mich Hans-Hermann genannt. Stets sagte er Iljitsch zu mir. Das klang dann immer herablassend, kumpelhaft forsch, aber von oben herab, so als wolle er sagen: na, du altes Haus, du doofe Sportskanone, alles in den Beinen, nichts im Kopf.

   „Wie geht es dir, Hans-Hermann?“ In seiner Stimme klang diesmal herzliche Freundlichkeit. Ich war sprachlos.

   „Gestern Abend“, fuhr er fort, „haben wir uns um dich Sorgen gemacht. Auch jetzt siehst du nicht gerade gesund aus.“

   „Es geht schon, Herr Pater“, sagte ich leise.

   „Vielleicht solltest du noch ein paar Tage das Bett hüten.“

   Ich schwieg.

   Er ruckte seinen mächtigen Leib plötzlich aufrecht auf dem Stuhl zurecht, hakte seine Daumen in die Kuttenkordel und atmete schwer aus und ein.

   „Na gut“, stieß er hervor, „lassen wir das. Ist dir ein gewisser Herr Kaminski bekannt?“

   „Ja. Allerdings nicht gut. Ich habe nur einmal mit ihm gesprochen. Er ist ein Arbeitskollege von meinem Vater. Warum fragen Sie, Herr Pater?“

   „Wie alt ist der Mann?“

   „Weiß nicht. Ungefähr siebzig, glaube ich.“

   „Ist er glaubwürdig? Was meinst du?“

   „Er ist normal. Ich halte ihn für ganz in Ordnung.“

   „Er rief gestern Nachmittag kurz vor fünf an und teilte mir eine furchtbare Nachricht mit. Deine Eltern sind tot, Junge.“

   „Wieso?“

   „Deine Eltern leben nicht mehr, Hans-Hermann.“

   „Verunglückt?“

   „Man fand sie gestern Vormittag tot in eurer Wohnung.“

   „Wieso? Was ist passiert?“

   „Dieser Herr Kaminski sagte mir, deine Eltern wurden erschlagen.“

   „Wer hat es denn getan?“

   „Das ist, so habe ich Herrn Kaminski verstanden, nicht bekannt. Kriminalbeamte hielten sich fast den ganzen Tag in eurer Wohnung auf.“

   Mein Körper suchte Halt an der Rückenlehne der Couch und meine Hände hingen neben den Knien.

   „Aber warum denn?“ Ich schüttelte unablässig den Kopf. „Warum sollte denn jemand Papa und Mutti erschlagen. Das ist doch Irrsinn. Das kann doch gar nicht wahr sein.“

   Pater Lambertus schwieg lange.

   „Ich habe mich vergewissert, Junge“, sagte er dann fast flüsternd. „Der diensthabende Beamte im Dortmunder Polizeipräsidium bestätigte Herrn Kaminskis Nachricht. Deine Eltern sind tot. Die Kriminalpolizei bearbeitet den Fall und sucht nach dem Täter.“

   Gegen meinen Willen liefen mir Tränen über die Wangen.

   „Ich komme gleich wieder“, sagte Pater Lambertus und ging hinaus.

   Ich starrte zur Decke und heulte los wie ein Wolf. Ich biss die Zähne zusammen, würgte an dem wilden Schmerz und wimmerte. Ich konnte nichts gegen die endlos hervorschießenden Tränen tun.

   Und ich? schoss es mir durch den Kopf. Und ich?

   Ein Angstschauer überschwemmte mich, eine Flutwelle von Panik.

   Wohin? Was nun?

   Pater Lambertus kam zurück, blieb aber vor dem Sofa stehen.

   „Geh bitte hinauf in dein Zimmer. Pack das Notwendigste zusammen. Du wirst einige Tage in Dortmund bleiben müssen. Beeil dich etwas. Du hast um zwölf Uhr einen Termin im Polizeipräsidium. Ich werde dich hinfahren. Aber wir müssen los. Ich warte vor dem Portal auf dich.“

   Auf dem Flur war es still. Zum Glück hatte der Unterricht begonnen. Niemand sah mich. Ich packte einiges an Kleidung und Unterwäsche in den kleinen Koffer und eilte nach unten. Auf dem Rondell vor der Eingangstreppe stand der gelbe, mit dunkelbraunen Holzlatten beschlagene Fiat.

   „Leg den Koffer auf den Rücksitz und setz dich neben mich“, gab Pater Lambertus durch das heruntergedrehte Fenster Anweisung.

   Ich fuhr zum ersten Mal in einem PKW. Auf den ersten Kilometern hatte ich das Gefühl, eingesperrt zu sein. Ich war überrascht wie eng es im Wagen war. Wir saßen beinahe Schulter an Schulter. Der Blick durch die Windschutzscheibe minderte die Beklemmung.

   „Mindestens dreieinhalbe Stunden werden brauchen“, meinte Pater Lambertus, „bei meiner Fahrweise sicherlich vier. Pater Johannes behauptet, ich wäre ein guter Postkutschenfahrer gewesen.“

   Er kicherte vor sich hin.

   Ich schwieg. Mein Mund war verschlossen wie mit Isolierband verklebt.

   „Dieser Herr Kaminski ist bereit, dich bis nach der Beerdigung zu beherbergen.“

  Seine tiefe Stimme dröhnte mir in die Ohren wie ferne Kesselpauken.

   Er fuhr wirklich langsam. Einmal setzte er sich zig- Kilometer hinter einen Lieferwagen und trödelte hinter ihm her.

   Wir schwiegen lange. Nach etwa der halben Strecke sagte er plötzlich: „Herr gib ihnen die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihnen. Amen. Fang an. Bete den `Schmerzhaften Rosenkranz`.“

   Während wir durch Städte und Dörfer fuhren, der Wagen Anstiege hinaufkletterte und abschüssige Straßen hinabtrudelte, betete ich vor und Pater Lambertus anwortete:

 

Heilige Maria, Mutter Gottes,

bitte für uns Sünder

jetzt und in der Stunde unseres Todes.              

Amen.

 

   Es war zehn nach zwölf, als wir vor dem Polizeipräsidium hielten.

   „Na also“, tat Pater Lambertus stolz. „bis auf die akademische Viertelstunde sind wir pünktlich. Das ist Stil, mein Junge.“

   Ich glaube, er war genauso nervös wie ich, wollte es nur verbergen.

   Das Präsidium war ein langgestreckter, zweigeschossiger Bau im Feldherrnhallenstil. Die hohen, schmalen Fenster wirkten wie Schießscharten. In der Parkbucht stiegen wir aus.

   „Hol den Koffer, Junge“, befahl Pater Lambertus. Er selbst stand da, kämmte seine wilde, krause Haarmähne und schlug sich die Schuppen von den Schultern.

   Als wir zum Haupteingang gingen, wurde einer der riesigen Türflügel aufgeschoben. Herr Kaminski trat heraus wie ein Wettermännchen und kam auf uns zu. Er trug einen breitrandigen Hut und einen langen, dünnen Mantel. Er hat die Angewohnheit, beim Gehen die Füße leicht nach Innen zu drehen, dadurch wirkt sein Gang immer leicht taumelig, vielleicht torkelte er jetzt aber wirklich etwas. Er war tief erschüttert. Sein Gesicht war bleich. Die schwarzen Augen hinter dem Brillengestell waren geweitet vor Kummer und unaufhörlich auf mich gerichtet. Als er vor uns stand und mich mit diesen gramvollen Augen anstarrte, wurde ich von einem Weinkrampf erfasst. Ich ließ den Koffer fallen und wandte mich ab. Die grauenvolle Wirklichkeit ging mir endlich auf. Ich krümmte und wand mich und kämpfte vergeblich gegen den Schmerz. Nach einigen Minuten richtete ich mich auf und wischte mir mit den Handballen die Tränen aus dem Gesicht.

   „Hier!“ Herr Kaminski reichte mir ein zusammengefaltetes Taschentuch.

   „Pater Lambertus“, stellte sich Lambertus vor. „Entschuldigen Sie die leichte Verspätung. Die Fahrt dauerte doch länger als ich kalkuliert hatte. Und noch einmal Dank für die telefonische Benachrichtigung. Wir haben es ihm allerdings erst heute Morgen gesagt.“

   „Hab ich mir gedacht, Herr Pater. - Komm jetzt. Der Kriminalbeamte wartet.“ Herr Kaminski nahm meinen Koffer und ging zum Eingang. Ich trottete mit gesenktem Kopf hinter ihm her. Ich glaube, keiner von uns beiden war sich bewusst, wie kränkend unser Verhalten gegenüber Pater Lambertus war.

   In dem langen Flur, den wir durchschritten, war es heiß und stickig wie in einem Tropenhaus. Herr Kaminski musste auf mich warten, als ich eine Toilettentür entdeckte und hineinschlüpfte. Ich wusch das Gesicht und fuhr mit den nassen Fingern durch die Haare.

   Am Ende des Flurs auf der linken Seite klopfte Kaminski an die letzte Tür und öffnete sie.

     Ein kleiner, spitzgesichtiger Mann mit schütterem Haar, durch das die weiße Kopfhaut schimmerte, saß quer hinter dem Schreibtisch, das Kinn auf der Brust, die Arme verschränkt und machte ein Nickerchen.

Als wir eintraten schreckte er auf und wischte sich mit dem Handrücken die Mundwinkel. Auf den ersten Blick wirkte er alt, tatsächlich aber war er höchstens achtunddreißig bis vierzig.

   „Entschuldigen Sie. Ich war tatsächlich für ein paar Sekunden eingenickt.“ Seine Stimme war tief und angenehm melodisch. Er erhob sich und reichte mir die Hand. „Czabanski.- Sie sind Herr Häusler, nicht wahr? Schön, dass Sie gekommen sind. Meine aufrichtige Anteilnahme, junger Mann.“

   Er setzte sich. „Herr Kaminski und ich haben uns vorhin schon begrüßt“, erklärte er und griff zum Telefonhörer. „Maria, kannst rüberkommen. -  Setzen Sie sich doch bitte, machen Sie es sich bequem. Einen Garderobenhaken haben wir leider nicht. Legen Sie Hut und Mantel auf die Fensterbank, Herr Kaminski.“    

   Wir setzten uns dem Schreibtisch gegenüber auf zwei mit zerschlissenem Kunstleder bespannte Lehnstühle. Eine ältliche, füllige Dame schlüpfte durch eine Verbindungstür. Ihr knallrotes, viel zu enges Kleid brachte einen Farbklecks in den tristen Raum.

   „Ja, meine Herrschaften“, begann Czabanski, „machen wir es kurz und schmerzlos. Noch einmal spreche ich Ihnen, junger Mann, mein aufrichtiges Beileid aus. Ein furchtbarer Schicksalsschlag für sie. Ich kann nur hoffen, sie sind stark genug, nicht daran zu zerbrechen.“

   Er legte eine Pause ein und tickte den Knipser seines Kugelschreibers auf den Tisch. Dann schob er ihn energisch zur Seite und faltete die Hände. „Gestern am Sonntag, den dreizehnten September morgens um elf Uhr wurden wir in Ihre Wohnung gerufen. Wir fanden Ihre Eltern tot vor. Dem Augenschein nach trat der Tod ein durch Schlagwirkung eines Tatwerkzeugs. Das Tatwerkzeug wurde nicht gefunden. Dr. Multhaupt, der hinzugezogene Gerichtsmediziner, legte unter Vorbehalte den Todeszeitpunkt auf circa vier Uhr in der Frühe fest. Eine genaue und abgesicherte Aussage kann erst nach Vorlage der Obduktionsbefunde erfolgen.“

   Ich starrte auf seine breiten, blutleeren Lippen, durch die seine Worte wie ein Rinnsal plätscherten, und auf seine Zunge, die immer wieder zu seinen Mundwinkeln züngelte.

   „Was ist das?“ Meine eigene Stimme erschreckte mich.

   „Es wurde eine Obduktion beantragt und genehmigt, Herr Häusler“.

   „Wieso? Was ist das?“

   „Nur durch eine sorgfältige und fachmännische Untersuchung der Leichname kann man Rückschlüsse ziehen auf Todesursache, Todeszeitpunkt und Tatwerkzeug.“

   „Wo sind sie?“

   „Ihre Eltern werden in der gerichtsmedizinischen Abteilung untersucht. Möglicherweise befindet sich Dr. Multhaupt gerade an der Arbeit.“  Er legte eine Pause ein und wischte mit der Handfläche über sein Gesicht.  „Sehen Sie, Herr Häusler, alle Maßnahmen verfolgen nur den einen Zweck, den Täter zu schnappen. Nur darum geht es. Wer hat diese brutale Tat begangen? Das ist die Frage. Wir wollen ihn erwischen, und wir werden ihn erwischen.“

   Er wischte sich mit dem Daumen die Mundwinkel und fuhr fort. „Wir stehen am Anfang, ganz am Anfang. Wir haben gar nichts, fast gar nichts. Wir haben die Aussage Ihres Vermieters, eines Herrn Witt und die seiner Frau. Wir haben die Aussagen des Ehepaars Butzek, das nebenan wohnt. Wir haben eine Fußspur am Tatort, Fingerabdrücke auf den Türklinken und jede Menge andere aus der ganzen Wohnung. Die Fingerabdrücke werden untersucht, die Aussagen überprüft. Wie weit uns das bringt, wissen wir nicht.“

   „Womit wurden sie denn erschlagen?“

   â€žSehen Sie, das ist auch so ein ungelöstes Rätsel. Anscheinend wurden zwei unterschiedliche Tatwerkzeuge benutzt, ein scharfkantiges und ein stumpfes. Ihre Mutter erlitt andere Verletzungen als Ihr Vater. Die Kopfwunde Ihrer Mutter weist auf ein macheteähnliches Werkzeug hin, wie es in Südtirol zum Reisig- und Astschlagen benutzt wird oder auf ein Metzgerbeil. Ihr Vater wurde mit einem stumpfen Gegenstand getötet, mit einem großen Hammer oder mit einer Eisenstange.“

   „Dann waren es zwei Männer.“

   „Möglich. Sehen Sie, Herr Häusler, wir tappen im Dunklen. Das Tatwerkzeug oder die Tatwerkzeuge wurden nicht entdeckt. Bis jetzt rätseln wir herum. Das Gutachten Dr. Multhaupts wird uns vielleicht genauere Hinweise geben. - Fragen über Fragen, Herr Häusler.

Wie kamen der oder die Täter ins Haus? War möglicherweise die Haustür nur angelehnt? So etwas geschieht selten, aber es passiert.“

   „Nein“, sagte ich überzeugt, „Herr Witt ist ein Abschließfanatiker. Haustür, Kellertür und Terrassentür sind Tag und Nacht verschlossen. Jeden Abend macht er seine Runde und prüft, ob alles verschlossen ist. Auch die Rollladen lässt er runter.“

   „Dann hatten der oder die Täter einen Schlüssel, denn Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens entdeckten wir nicht. Die Herrn Witt zur Verfügung stehenden Schlüssel waren vorhanden. Er legte sie uns vor. Keiner fehlte. Wie viele Schlüssel waren in Ihrer Familie vorhanden?“

   „O, das weiß ich nicht genau. Papa und Mutti hatten je einen Hausschlüssel. Ich hatte keinen, weil ich so gut wie nie da bin. Papa hatte außerdem einen Kellerschlüssel, und Sie, Herr Kaminski haben einen.“

   Der Kriminalbeamte wandte sich überrascht Herrn Kaminski zu. „Sie haben einen Kellerschlüssel vom Hause Witt? Wo ist er? Warum haben Sie einen Schlüssel von Witts Haus?“

   Herr Kaminski entnahm seiner Hosentasche ein ledernes Etui, schüttelte es aus und begann einen Schlüssel vom Ring zu lösen. „Hermann meinte“, sagte er stockend, „- ich meine Herr Häusler - sagte, das ist doch Blödsinn Walter, dass du jeden Abend die Werkzeugtasche und die Leiter nach Schüren schleppst. Du kannst das doch alles in meinem Keller lassen. Außerdem konnte ich mich da umziehen. Deshalb hatte ich einen Schlüssel. Hier ist er! Herr Witt hätte es ihnen sagen können. Er wusste davon.“

   Herr Czabanski ergriff den Schlüssel und drehte ihn zwischen den Fingern. „Gut“, sagte er, „den fehlenden Kellerschlüssel haben wir. Aber wo ist der dritte Haustürschlüssel von Ihnen, Herr Häusler? Herr Witt behauptet, Sie hätten drei.“

   „Der dritte hängt bei Frau Butzek am Schlüsselbrett. Jetzt fällt es mir wieder ein. Mutti hatte ihn Frau Butzek gegeben für den Fall, dass sie ihren mal vergaß und nicht reinkam.“

   „Na, sehen sie. Die Schlüsselfrage ist geklärt. Stecken Sie Ihren wieder ein, Herr Kaminski. Sie brauchen ihn doch sicherlich. Nun ein paar weitere Fragen an Sie, Herr Häusler, ich wäre dankbar, wenn Sie sie mir beantworten würden.“

   „Ich bin erst siebzehn“, unterbrach ich ihn, „Sie können mich duzen.“

   „Ich weiß das, Herr Häusler. Doch bleiben wir lieber dabei. Es ist mir lieber. - Noch einmal, junger Mann: ich stelle Ihnen Fragen, Sie antworten mit ja oder nein; wenn es nicht anders geht, dann kurz und bündig. Legen Sie nichts in die Fragen hinein! Sie sind reine Routinesache. - Waren Ihr Vater oder Ihre Eltern in ein Verbrechen verwickelt?“

   „Nein.“

   „Befand sich eine größere Geldsumme in der Wohnung?“

   „Nein.“

   „Wertsachen, kostbarer Schmuck?“

   „Nein.“

   „Wurden Ihre Eltern erpresst oder bedroht?“

   „Nein.“

   „Hatten Sie Feinde?“

   „Weiß ich nicht, ich glaube aber nicht.“

   „Gab es Streit mit irgendjemand, einem Nachbarn, einem Arbeitskollegen?“

   „Weiß ich nicht. Ich würde eher sagen: nein.“

   „Waren Vater oder Mutter erbberechtigt?“

   „Wie meinen Sie das?“

   „Erwarteten sie eine Erbschaft?“

   „Nein.“

   „Wie viele Geschwister hatte Ihr Vater?“

   „Zwei Brüder, eine Schwester. Meine Onkel sind im Krieg gefallen, Tante Lene ist Witwe und wohnt in Köln. Papa hat mal erzählt, dass sein Vater die Geschwister ausgezahlt hat, als der Älteste heiratete.“

   „Und Ihre Mutter?“

   „Mutti hat fünf Brüder und zwei Schwestern. Ihr Vater ist im ersten Weltkrieg gefallen. Zu erben gab es nichts, weil sie immer zur Miete und einmal sogar im Groschenhaus wohnten.“

   „Hattet Ihr in letzter Zeit Besuch von einem Fremden?“

„Weiß ich nicht.“

   „Von Freunden oder Bekannten?“

   „Ist mir nicht bekannt.“

   „Ich war“, sagte Herr Kaminski, „in den letzten Monaten dreimal bei ihnen zu Besuch.“

   „Aus besonderen Anlässen?“

   „Wir hatten den Materialbedarf für die Elektroinstallation der Neubauten zu erstellen. Es gab immer etwas zu überlegen, zu ändern oder zu verbessern. Außerdem mussten die Schaltpläne gezeichnet werden.“

   „Danke, Herr Kaminski. – Ist Ihnen, Herr Häusler, in den letzten Wochen irgendetwas aufgefallen. Waren ein Elternteil oder beide mehr als gewöhnlich bedrückt, angespannt oder nervös?“

   „Nein, ich habe nichts bemerkt.“

   „Hatte Ihre Mutter einen Freund oder Ihr Vater eine Freundin?“

   „Nein. Davon weiß ich nichts.“

   „Danke, Herr Häusler. Ich habe die Telefonnummer Ihrer Schule. Sollten sich im Laufe der Ermittlungen weitere Fragen ergeben, rufe ich Sie an.“

   „Wann, was meinen Sie, kann die Beerdigung stattfinden?“, fragte Herr Kaminski.

   Herr Czabanski verzog nachdenklich den Mund. „Ich schätze, die Leichen werden spätestens morgen Nachmittag freigegeben. Den Donnerstag oder den Freitag können Sie als Beerdigungstage ins Auge fassen. Am besten Sie rufen mich morgen gegen siebzehn Uhr noch einmal an. Dann bin ich im Haus. - Wenn Sie einen Happen essen möchten, unsere Kantine hat eine ausgezeichnete Köchin.“

   „Nein Danke“, sagte Kaminski. „Wir haben um vierzehn Uhr einen Termin beim Vormundschaftsgericht. Leider ist unsere Zeit knapp bemessen. Wir wollen uns verabschieden.“

   Ich glaube, der Kriminalbeamte war erleichtert, uns los zu sein. Er lächelte und gab uns die Hand, ohne unserem Blick zu begegnen. Herr Kaminski warf sich seinen Mantel über den Arm und hielt den Hut in der Hand. Dann strebten wir schweigend über den langen Flur zum Ausgang.

*****

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Wird Kaminski die Täter überführen , ehe Hans-Hermann  umgebracht wird?

 

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